Početna Deutsch Islam allgemein Gewalt und Terrorismus (John L. Esposito)
Gewalt und Terrorismus (John L. Esposito) PDF Ispis E-mail

(Entnommen aus: John L. Esposito: VON KOPFTUCH BIS SCHARIA, was man über den Islam wissen sollte, Reclam, Leipzig, 2004)


protiv_terorizma1. Was bedeutet Dschihad?

2. Entschuldigt der Koran den Terrorismus?

3. Wie kann man den Islam benutzen, um Terrorismus, Flugzeugentführungen und Geiselnahmen zu recht­fertigen?

4. Erlaubt der Islam Selbstmordattentate?

5. Warum sind Muslime so gewaltbereit?

6. Unterstützen Muslime extremistische und terroristische Gruppen?

7. Unterstützen die meisten muslimischen Organisationen den Terrorismus?

8. Haben Muslime einen Märtyrerkomplex?


Was bedeutet Dschihad?


Der Dschihad (wörtlich: »Bemühung«; meistens: Kampf, hei­liger Krieg) gilt manchen als »Sechste Säule« des Islam. Seine große Bedeutung geht auf das Koran-Gebot zurück, auf dem Pfad Gottes zu kämpfen und dem Beispiel des Propheten Mohammed und seiner frühen Gefährten zu folgen.

Die ganze Geschichte der muslimischen Gemeinschaft von Mohammed bis heute lässt sich im Kontext dessen verstehen, was der Koran über den Dschihad lehrt. Denn diese Lehren waren von essentieller Bedeutung für das muslimische Selbst­verständnis, für die muslimische Frömmigkeit, Mobilisie­rung, Expansion und Verteidigung. Der Dschihad als »Bemü­hung« bezieht sich auf die Schwierigkeit und Komplexität, ein gutes Leben zu führen: mit dem Bösen in sich selbst zu ringen - tugendhaft und moralisch zu sein, sich ernsthaft um gute Werke zu bemühen und bei der Reform der Gesellschaft aktiv mitzuhelfen. Je nach den individuellen Lebensumständen kann das bedeuten: Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unter­drückung; Verbreitung und Verteidigung des Islam; Schaffung einer gerechten Gesellschaft durch Predigt, Unterweisung und, falls erforderlich, auch durch bewaffneten Kampf oder Heiligen Krieg.

In einer bekannten Überlieferung des Propheten (hadith) wer­den die beiden umfassenden Bedeutungen von dschihad, die gewaltfreie und die gewaltsame, einander gegenübergestellt: Als Mohammed aus der Schlacht zurückkehrte, soll er einmal zu seinen Begleitern gesagt haben: »Wir kehren vom kleineren Dschihad [des Krieges] zurück zum größeren.« Damit war das schwierigere, wichtigere Ringen mit dem eigenen Ego, mit Selbstsucht, Habgier und dem Bösen gemeint.

In seiner allgemeinsten Bedeutung bezieht sich »Dschihad« auf die allen Muslimen, dem Einzelnen wie der Gemeinschaft, obliegende Pflicht, Gottes Willen zu befolgen und ihn umzu­setzen - also ein tugendhaftes Leben zu führen und zur Aus­breitung der islamischen Gemeinschaft beizutragen: durch Predigt, Erziehung, Beispiel, Schreiben, und so weiter. Der Dschihad schließt auch das Recht, ja sogar die Pflicht ein, den Islam und die muslimische Gemeinschaft (umma) gegen An­griffe zu verteidigen. Im Verlauf der Geschichte hat der Aufruf zum Dschihad die Muslime immer wieder zur Verteidigung des Islam mobilisiert. In Afghanistan fochten die Mudscha­hedin kürzlich einen jahrelangen Dschihad gegen die sowje­tischen Besatzer aus.

»Dschihad« ist ein vieldeutiger Begriff, der im Verlauf der isla­mischen Geschichte immer wieder benutzt, aber auch miss­braucht wurde. Obwohl der Dschihad immer ein wichtiger Be­standteil der islamischen Tradition war, haben in neuerer Zeit einige behauptet, es sei eine universale religiöse Pflicht aller wahren Muslime, sich dem Dschihad anzuschließen, um isla­mische Reformen oder eine islamische Revolution in die Wege zu leiten. Mit verengtem Blick sehen manche nur noch eine Welt, die von korrupten autoritären Regimes und von einer reichen elitären Minderheit beherrscht wird - einer Minder­heit, der allein am eigenen wirtschaftlichen Wohlergehen liegt und die vollkommen von westlicher Kultur und westlichen Werten geprägt ist. Nach dieser Weltsicht stützen die west­lichen Regierungen Regimes von Unterdrückern, beuten die menschlichen und natürlichen Ressourcen der Region aus und rauben den Muslimen ihre Kultur sowie die Option, sich gemäß ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen regieren zu lassen und in einer gerechteren Gesellschaft zu leben.

Islamische Aktivisten aus der Mitte der Gesellschaft glauben, dass die Wiederherstellung muslimischer Macht und muslimi­schen Wohlstands eine Rückkehr zum Islam erfordert - eine politische oder soziale Revolution mit dem Ziel, stärker isla­misch orientierte Staaten oder Gesellschaften zu schaffen.

Eine radikalisierte gewalttätige Minderheit vereint Militanz mit messianischen Visionen, um eine Armee von Gotteskrie­gern zu inspirieren und zu mobilisieren; deren Dschihad (hei­liger Krieg) werde, wie sie meinen, die Muslime im In- und Ausland befreien und vereinen. Obwohl der Dschihad eigent­lich kein bewaffneter Angriffskrieg sein soll, ist er in Vergan­genheit und Gegenwart von manchen Herrschern, Regierun­gen und Individuen dazu missbraucht worden - zum Beispiel von Saddam Hussein im Golfkrieg von 1991, von den Taliban in Afghanistan sowie von Osama bin Laden und der al-Qaida.

 

Entschuldigt der Koran den Terrorismus?


Eine solche Frage stellt niemand an seine eigene Religion, son­dern immer nur an die der anderen. Im Lauf der Geschichte haben sich aber einige Muslime im Terrorismus engagiert und die Religion benutzt, um ihre Aktionen zu rechtfertigen. Für viele, die zuvor kaum etwas über den Islam oder Muslime wussten, erhebt sich nach den von Extremisten begangenen Terroranschlägen, besonders nach denen vom 11. September 2001, die Frage, ob es im Islam oder im Koran nicht etwas gibt, das Gewalt und Terrorismus fördert.

Wie alle Weltreligionen unterstützt der Islam keine illegitime Gewalt, und er fordert sie auch nicht. Der Koran befürwortet keinen Terrorismus, und er entschuldigt ihn nicht. Der Gott des Korans ist durchgängig als Gott der Barmherzigkeit und der Gnade sowie als gerechter Richter porträtiert. Jede Sure (jedes Kapitel) im Koran beginnt mit einem Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit und Gnade; überall im Koran werden die Mus­lime in zahlreichen Kontexten daran erinnert, selbst barm­herzig und gerecht zu sein. Immer wenn ein frommer Muslim eine Tätigkeit beginnt, etwa eine Mahlzeit, einen Brief oder eine Autofahrt, sagt er oder sie: »bi-smi 'Ilahi r-rahmani r-rahimi« (»Im Namen des barmherzigen und gnädigen Got­tes«). Der Islam gestattet es Muslimen jedoch und macht es ihnen gelegentlich sogar zur Pflicht, sich selbst und ihre Fami­lien, ihre Religion und ihre Gemeinschaft gegen Angriffe zu verteidigen.

Wie alle heiligen Schriften müssen auch die heiligen Texte des Islam in den politischen und sozialen Kontexten gelesen wer­den, in denen sie offenbart wurden. So überrascht es nicht, dass im Koran wie im Alten Testament Verse stehen, die sich mit Kampf und Kriegführung beschäftigen. Die Welt, in der sich die islamische Gemeinschaft in ihren Anfängen ent­wickelte, war eine raue Nachbarschaft. Arabien und die Stadt Mekka, in der Mohammed zunächst lebte und Gottes Offen­barungen empfing, litten unter Stammeskämpfen, Überfällen sowie unter Kreisläufen von Rache und Blutrache. Der ganze Nahe Osten im Umfeld Arabiens war zwischen zwei sich be­kriegenden Supermächten aufgeteilt, dem Byzantinischen (Oströmischen) Reich und dem Sassanidenreich (Persien).

Die frühesten Koranverse, die sich mit dem Recht zum defen­siven Dschihad (Kampf) befassen, wurden kurz nach der Hid­schra (Auswanderung) Mohammeds und seiner Anhänger nach Medina offenbart, zu einer Zeit, als sich die Gruppe auf der Flucht vor Verfolgung in Mekka befand. Als sie gezwungen war, um ihr Leben zu kämpfen, wurde Mohammed offenbart: »Denjenigen, die kämpfen, ist die Erlaubnis zum Kämpfen erteilt worden, weil ihnen vorher Unrecht geschehen ist. - Gott hat die Macht, ihnen zu helfen. - Ihnen [ist das Kämpfen er­laubt], die unberechtigterweise aus ihren Wohnungen ver­trieben wurden, nur weil sie sagen: >Unser Herr ist Gott<« (22:39-40). Die defensive Natur des Dschihad wird in Sure 2:190 deutlich hervorgehoben: »Und kämpft um Gottes willen gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen! Aber begeht keine Übertretung [indem ihr den Kampf aggressiv, auf unrecht­mäßige Weise führt]! Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen.« Über die Jahre hin empfing Mohammed an kriti­schen Punkten seines Weges immer wieder Offenbarungen von Gott, die ihm Wegweisung für den Dschihad vermittelten. Als die muslimische Gemeinschaft anwuchs, stellten sich schnell Fragen nach dem angemessenen Verhalten in Zeiten des Krieges. Der Koran gab detaillierte Richtlinien und Regeln zur Kriegführung - etwa zu den Fragen, wer kämpfen soll und wer ausgenommen ist (48:17; 9:91), wann die Feindseligkeiten aufhören müssen (2:192) und wie Gefangene behandelt wer­den sollen (47:4). Und was am wichtigsten ist: Verse wie 2:194 betonten immer wieder, dass die Kriegführung und die Reak­tionen auf Gewalt und Aggression verhältnismäßig sein müs­sen: »Wenn nun einer gegen euch Übergriffe begeht, dann zahlt ihm mit gleicher Münze heim! «

Koranverse unterstreichen aber stets, dass Frieden die Norm ist, nicht Gewalt und Krieg. Die Erlaubnis, den Feind zu be­kämpfen, wird aufgewogen durch ein starkes Mandat zur Frie­densstiftung: »Und wenn [die Feinde] sich dem Frieden zu­neigen, dann neige auch du dich ihm zu und vertrau auf Gott! « (8:61) und »Wenn Gott gewollt hätte, hätte er ihnen Gewalt über euch gegeben, und dann hätten sie gegen euch mit Erfolg gekämpft. - Wenn sie sich nun von euch fernhalten und nicht, gegen euch kämpfen und euch ihre Bereitschaft erklären, sich friedlich zu verhalten, gibt euch Gott keine Möglichkeit, gegen sie vorzugehen« (4:90). Von Anfang an war es im Islam ver­boten, am Kampf Unbeteiligte, Frauen und Kinder, Mönche und Rabbis zu töten; ihnen allen galt das Versprechen der Un­versehrtheit, solange sie sich nicht an den Kämpfen betei­ligten.

Aber was ist mit jenen Versen, die manchmal als »Schwert­verse« bezeichnet werden - Versen, die dazu aufrufen, Un­gläubige zu töten? Etwa: »Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie fin­det, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!« (9:5). Dies ist nur einer aus einer Reihe von Koranversen, die häufig von Kritikern zitiert werden, wenn sie das inhärent gewaltsame Wesen des Islam und seiner heiligen Schrift be­weisen wollen. Ebendiese Verse wurden selektiv auch immer wieder von religiösen Extremisten herangezogen (oder miss­braucht), um eine Theologie des Hasses und der Intoleranz zu entwickeln, wenn sie den uneingeschränkten Krieg gegen Un­gläubige legitimieren wollten.

Als sich während der Expansions- und Eroberungsphase des Islam viele Religionsgelehrte (ulamd) der Patronage des Ka­lifen erfreuten, erarbeiteten sie eine logische, legitimierende Begründung für die Kalifen, wie diese ihre imperialen Träume ausleben und die Grenzen ihrer Reiche ausdehnen könnten. Die Ulama sagten einfach, die »Schwertverse« würden die frü­heren Koranverse, die den Dschihad auf einen Verteidigungs­krieg beschränkten, aufheben oder überlagern. Tatsächlich wird die vollständige Intention von Versen wie »Wenn die hei­ligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo im­mer ihr sie findet« verfehlt oder verzerrt, wenn man diese Verse aus dem Zusammenhang reißt. Denn an den zitierten Vers schließt sich unmittelbar der folgende an: »Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer (zakat) geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen! Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben« (9:5). Dasselbe gilt für ei­nen anderen häufig zitierten Vers: »Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht für 1 verboten erklären, was Gott und sein Gesandter verboten ha­ben, und nicht der wahren Religion angehören - [selbst wenn sie zu] denen [gehören], die die Schrift erhalten haben.« Auch hier wird oft der unmittelbar folgende Satz nicht mit zitiert: »... bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten« (9:29).

Im Verlauf der Geschichte wurden die heiligen Schriften von Judentum, Christentum und Islam allesamt benutzt und miss­braucht, interpretiert und fehlinterpretiert, um Widerstand und Befreiungskämpfe, Extremismus und Terrorismus, hei­lige und unheilige Kriege zu rechtfertigen. Terroristen wie Osama bin Laden und andere übertreten die Kriterien des klas­sischen Islam für einen gerechten Dschihad; sie erkennen keine Begrenzungen außer ihren eigenen Zielen an und setzen alle Waffen und Mittel ein, die ihnen recht sind. Sie weisen die Regelungen des islamischen Rechts hinsichtlich der Ziele und legitimen Mittel für einen gültigen Dschihad zurück - dass der Gewalteinsatz verhältnismäßig sein muss und nur das unbe­dingt erforderliche Maß an Gewalt eingesetzt werden darf, um den Feind zurückzuschlagen; dass unschuldige Zivilisten nicht Ziel von Attacken sein dürfen und dass der Dschihad vom Herrscher oder Staatsoberhaupt ausgerufen werden muss. Heutzutage nehmen sich religiöse wie weltliche Indivi­duen und Gruppierungen einfach das Recht heraus, unheilige Terrorkriege im Namen des Islam zu erklären und als heilige Kriege zu legitimieren.

 

Wie kann man den Islam benutzen, um Terrorismus, Flugzeugentführungen und Geiselnahmen zu recht­fertigen?


Zwar haben die von gewalttätigen Extremisten begangenen Grausamkeiten und terroristischen Akte eine Verbindung zwischen Islam und Terrorismus geschaffen, aber die islami­sche Tradition setzt dem Gewalteinsatz Grenzen. Sie lehnt Ter­rorismus, Flugzeugentführungen und Geiselnahmen ab. Wie bei anderen Religionen und Glaubensrichtungen werden jedoch allgemein akzeptierte, normative Lehren und Gesetze immer wieder von radikalen Randfiguren ignoriert, verzerrt oder mit Beschlag belegt und fehlinterpretiert. Das aus dem Koran hergeleitete islamische Recht gibt klare Richtlinien für die Kriegführung vor und verwirft terroristische Akte. Unter anderem gibt es dort ganz spezifische Vorschriften zum Schutz von Unbeteiligten und zur Verhältnismäßigkeit von Rache und Vergeltung.

Als die muslimische Gemeinschaft wuchs, erhoben sich recht bald Fragen danach, wer über die religiöse und politische Autorität verfüge, zu bestimmen, wie Rebellion und Bürger­krieg zu behandeln seien, welches Verhalten in Kriegs- und in Friedenszeiten angemessen sei, und wie Expansion und Er­oberung, Gewalt und Widerstand zu begründen und zu legiti­mieren seien. Die Antworten wurden unter Bezug auf Koran-Vorschriften und die Praxis Mohammeds und seiner Gefähr­ten formuliert. Der Koran gibt detaillierte Richtlinien und Regeln zur Krieg­führung: wer kämpfen soll (48:17; 9:91), wann die Feindselig­keiten aufhören müssen (2:192) und wie Gefangene behandelt werden sollen (47:4). Hervorgehoben wird die Verhältnis­mäßigkeit bei der Kriegführung: »Wenn nun einer gegen euch Übergriffe begeht, dann zahlt ihm mit gleicher Münze heim!«(2:194). Andere Verse enthalten ein starkes Mandat zur Frie­densstiftung: »Und wenn [die Feinde] sich dem Frieden zu­neigen, dann neige auch du dich ihm zu und vertrau auf Gott! « (8:61) und »Wenn Gott gewollt hätte, hätte er ihnen Gewalt über euch gegeben, und dann hätten sie gegen euch mit Erfolg gekämpft. - Wenn sie sich nun von euch fernhalten und nicht gegen euch kämpfen und euch ihre Bereitschaft erklären, sich friedlich zu verhalten, gibt euch Gott keine Möglichkeit, gegen sie vorzugehen« (4:90).

Von Anfang an hatte sich die islamische Gemeinschaft mit Rebellion und Bürgerkriegen, Gewalt und Terrorismus ausein­ander zu setzen, verkörpert durch Gruppen wie die Charidschi­ten und Assassinen (Nizariten). Die Charidschiten waren eine fromme, aber puritanische und militante Extremistengruppe, die mit dem Kalifen Ali (dem Schwiegersohn des Propheten) brachen und ihn später ermordeten. Die Assassinen lebten abgeschieden in geheimen Gemeinschaften, angeführt von einer Reihe von Großmeistern, die von der Bergfestung Alamut im Norden Persiens aus regierten. Der Dschihad der Assassinen gegen die Dynastie der Seldschuken (im 11./12. Jahrhundert) terrorisierte Fürsten, Generäle und Rechtsgelehrte (ulama'), die im Namen des Verborgenen Imam auch ermordet wurden. Die Assassinen verursachten solchen Schrecken im Herzen ih­rer Feinde, bei Muslimen wie bei Kreuzrittern, dass ihre Taten in Persien und Syrien noch lange, nachdem sie besiegt waren und ihr letzter Großmeister 1256 von Mongolen hingerichtet worden war, im Gedächtnis blieben. Im englischen Wort für »Mörder«, assassin, lebt diese Erinnerung bis heute fort.

Die Reaktion des sunnitischen Islam und des islamischen Rechts bestand darin, Extremisten zu marginalisieren und eine politische Theorie zu entwickeln, die dezidiert Stabili­tät über Chaos und Anarchie stellte. Eine solche Strategie schreckte natürlich nicht immer vom Extremismus ab. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind im Islam neben einer in der Mitte der Gesellschaft wirkenden politischen Op­position auch zahlreiche Terroristengruppen entstanden, die ihre Regierungen herausfordern, die Bevölkerung terrori­sieren und ausländische Interessen angreifen. Oft stellen sich diese Gruppen als die »wahren Gläubigen« dar, die inmitten einer »heidnischen« Gesellschaft von Ungläubigen gegen re­pressive Regime kämpfen. Sie versuchen, anderen ihre eigene ideologische Spielart des Islam aufzuzwingen, und nehmen dabei islamische Lehren wie die vom Dschihad sozusagen in Geiselhaft. Sie behaupten, den wahren Islam zu verteidigen, um ihren illegitimen Einsatz von Gewalt und terroristischen Akten zu legitimieren.

In Ägypten ermordeten Gruppen wie der ägyptische Islami­sche Dschihad und andere Extremistengruppen Präsident Anwar as-Sadat und andere Regierungsmitglieder. Sie töteten Touristen in Luxor, brannten christliche Kirchen nieder und ermordeten Christen. In Algerien hat die GIA (Bewaffnete Is­lamische Gruppe) eine Terrorkampagne gegen die algerische Regierung entfesselt. Osama bin Laden und die al-Qaida zogen einen globalen Terrorkrieg gegen muslimische Regierungen und die USA auf; dabei verzerrten sie das Bild des Islam und setzten sich in Widerspruch zum islamischen Recht, indem sie eigene Fatwas (Rechtsgutachten) verkündeten, mit deren Hilfe sie ihren Krieg und ihren Aufruf zu Angriffen gegen un­beteiligte Zivilisten legitimieren wollten. Obwohl diese Grup­pen mit ihren schrecklichen Untaten die größte Aufmerk­samkeit in den Medien erhalten, sind sie doch nur eine extremistische Minderheit. Sie stehen weder für die Mehrheit der Muslime noch für den ganzen Islam.

 

Erlaubt der Islam Selbstmordattentate?


Am 25. Februar 1994 ging Dr. Baruch Goldstein, ein jüdischer Siedler, der aus den Vereinigten Staaten nach Israel emigriert war, in die Moschee des Patriarchen in Hebron und eröffnete das Feuer. 29 Muslime, die am gemeinschaftlichen Freitagsge­bet teilnahmen, wurden getötet. Als Reaktion führte die isla­mische Widerstandsbewegung Hamas eine neue Form der Kriegführung in den Konflikt zwischen Israelis und Palästi­nensern ein: Selbstmord-Bombenattentate. Die Hamas-Miliz der Qassem-Brigaden versprach damals umgehende Rache für das Massaker in Hebron und führte Aktionen in Israel durch: in Galiläa, Jerusalem und Tel Aviv. Während der im September 2000 mit dem Al-Aqsa-Aufstand begonnenen zweiten Intifada nahm in Israel/Palästina der Einsatz von Selbstmordatten­tätern exponentiell zu. Das schrecklichste Beispiel für Selbst­mordattentate oder Terrorangriffe stellten die Angriffe vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington dar.

Nach der Tradition ist Muslimen ein Selbstmord bedingungs­los verboten, weil nur Gott das Recht hat, das von ihm ge­währte Leben auch wieder zu nehmen. Es gibt im Koran nur einen einzigen Vers, der zum Thema Selbstmord relevant zu sein scheint: »Ihr Gläubigen! Bringt euch nicht untereinander in betrügerischer Weise um euer Vermögen! - Anders ist es, wenn es sich um ein Geschäft handelt, das ihr nach gegensei­tigem Übereinkommen abschließt. - Und tötet nicht euch selbst! Gott verfährt barmherzig mit euch« (4:29). Viele musli­mische Deuter der Stelle glauben jedoch, dass » Und tötet nicht euch selbst!« eigentlich »Und tötet euch nicht gegenseitig!« heißt; das würde sogar besser in den Kontext des Verses pas­sen. Das Thema Selbstmord wird deshalb in der exegetischen Literatur auch kaum diskutiert. In den prophetischen Überlie­ferungen (hadith) wird der Selbstmord jedoch häufig eindeu­tig und kompromisslos verboten. Die Strafe für Selbsttötung besteht in einer endlosen Wiederholung der Tat, durch die man sich das Leben genommen hat. Viele Kommentatoren zögern jedoch zu sagen, dass ein Selbstmörder zur ewigen Höllenstrafe verdammt ist.

Historisch gesehen haben Sunniten wie Schiiten Märtyrertum (»religiöse Selbstaufopferung«) und terroristische Akte ge­nerell verboten. Die Nizariten, eine Sekte der Ismailiten, meis­tens als »Assassinen« bezeichnet und im 11. und 12. Jahr­hundert notorisch dafür bekannt, dass sie ihren Feinden Selbstmordattentäter schickten, wurden als Fanatiker von der Hauptströmung des Islam abgelehnt. Im späten 20. Jahrhun­dert kam das Thema jedoch erneut auf die Tagesordnung, als viele, Schiiten wie Sunniten, Selbstmordattentate mit dem Martyrium gleichsetzten, darin also die Hingabe des eigenen Lebens für den Glauben sahen. Obwohl Selbstmordattentate gemeinhin mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt in Verbindung gebracht werden, hat es solche Taten auch im Libanon, in Indonesien und anderswo gegeben. Im Libanon wurden sie von der Hisbollah und von al-Dschihad bei ihren Angriffen eingesetzt, zum Beispiel 1983 gegen die Kaserne der US-Marines und gegen das militärische Hauptquartier der Franzosen, wobei mehrere hundert Menschen getötet wurden.

Im israelisch-palästinensischen Konflikt haben zunehmende Gewalt und Brutalität sowie gezielte Tötungen seitens der Israelis bei vielen Palästinensern und Muslimen die Überzeu­gung verstärkt, die so genannten Selbstmordattentäter be­gingen nicht Selbstmord, sondern sie seien Märtyrer im Wi­derstand und im Vergeltungskampf gegen die israelischen Besatzer und Unterdrücker. Auf studentischen Plakaten in den Universitäten der West Bank und im Gazastreifen war zu lesen: »Israel hat Atombomben, wir haben menschliche Bomben.« Und ein palästinensischer Freiheitskämpfer sagte: »Die Israelis jagen uns in die Luft. Warum sollte ich da nicht nach Israel gehen und ein paar von ihnen mit in den Tod nehmen?«

Die Verwendung religiöser Begriffe wie Dschihad und Martyrium, um Selbstmordattentate zu rechtfertigen und zu legiti­mieren, bildet einen mächtigen Anreiz: die Aussicht, in die­sem Leben als Held glorifiziert zu werden und im nächsten Leben ins Paradies zu kommen. Die Selbstmordattentate, ins­besondere jene, deren Ziel unschuldige Zivilisten und am Kampf Unbeteiligte sind, haben in der muslimischen Welt hef­tige Kontroversen entfesselt, wobei religiös begründete Un­terstützung oder Ablehnung deutlich werden. Prominente Religionsführer stehen einander mit ihren Rechtsgutachten (Fatwas) diametral gegenüber. Wie viele andere arabische und palästinensische Religionsführer haben der religiöse Führer und Begründer der Hamas, Scheich Ahmad Yasin, und Akram Sabri, der Mufti von Jerusalem, argumentiert, Selbstmord­Bombenanschläge seien notwendig und gerechtfertigt. An­dere jedoch verdammen derartige Attentate, zumal solche, die auf Zivilisten abzielen, als Terrorismus. Prominente islamische Gelehrte und Führer sind in ihren Meinungen zu dieser Frage tief gespalten. Scheich al-Scheich, Vorsteher an Kairos altehrwürdiger al-Azhar-Moschee und ehemals Großmufti von Saudi-Arabien, hat alle Selbstmord­anschläge als unislamisch verurteilt; der Islam verbiete sie ein­deutig. Scheich Muhammad Sayid Tantawi, Großmufti von Ägypten und eine führende Autorität in Religionsfragen, hat dagegen scharf zwischen Selbstmordattentaten, die Akte der Selbstaufopferung und Selbstverteidigung seien, und der Tö­tung von Unbeteiligten, Frauen und Kindern unterschieden; Letzteres hat er immer konsequent abgelehnt. Scheich Yusuf al-Qardawi schließlich, der zu den einflussreichsten religiösen Autoritäten gehört, hat Rechtsgutachten (Fatwas) erstellt, die Selbstmordattentate als Akte der Selbstverteidigung anerken­nen; man gebe dabei sein Leben für Gott hin, in der Hoffnung, dass Gott einem dafür das Paradies gewähre. Wie einige an­dere hat auch Qardawi die Tötung von Zivilisten legitimiert - mit dem Argument, Israel sei eine militante und militärische Gesellschaft, in der Frauen wie Männer Militärdienst leisteten und als Reservisten dienten; wenn bei solchen Aktionen Alte oder Kinder getötet würden, dann sei das als unbeabsichtigte Tötung anzusehen.

Ein zentrales Thema in diesen Debatten ist das der Verhältnis­mäßigkeit - die Erwiderung oder Vergeltung müsse in einem angemessenen Verhältnis zum ursprünglichen Verbrechen stehen. Diejenigen, die das Töten von Zivilisten rechtfertigen wollen, argumentieren jedoch, dass es in Israel überhaupt keine unschuldigen Zivilisten gebe; die israelische Gesell­schaft sei insgesamt eine militärische Gesellschaft und die israelische Besatzung bedrohe palästinensische Zivilisten unterschiedslos. Das Gleiche gelte auch für die israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet.

 

Warum sind Muslime so gewaltbereit?


Die Taten muslimischer Extremisten in den letzten Jahren - von Geiselnahmen und Flugzeugentführungen bis hin zu den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington - haben bei vie­len zu der Frage geführt, warum der Islam und die Muslime so gewaltbereit seien. Doch der Islam, vom Koran bis zum islami­schen Recht, erlaubt keinen Terrorismus, und er setzt auch der Gewaltanwendung enge Grenzen. Er erlaubt, ja fordert sogar unter bestimmten Umständen den Einsatz von Gewalt - zur Selbstverteidigung sowie zur Verteidigung des Islam und der islamischen Gemeinschaft. Oft ist es jedoch nur ein schmaler Grat zwischen legitimer und illegitimer Gewalt, zwischen de­fensiven und offensiven Kämpfen oder Kriegen, zwischen Wi­derstand und Terrorismus. Die Religion kann zwar eine mäch­tige Kraft des Guten sein, historisch gesehen wurde und wird sie jedoch oft dazu benutzt, Gewalt und Krieg zu legitimieren. Die drei großen monotheistischen Traditionen demonstrieren seit biblischen Zeiten bis in die Gegenwart in einer jeweils lan­gen Geschichte die positive wie die negative Macht der Reli­gion, ihre Schöpferkraft und ihre Zerstörungsmacht.

Muslimische Herrscher und Regierungen haben in Gegenwart und Vergangenheit die Religion benutzt, um Unterstützung für die politische Expansion und den Imperialismus zu legiti­mieren und mobilisieren. Religiöse Extremisten - in frühen Gruppen, etwa den Charidschiten, wie in zeitgenössischen Bewegungen, etwa dem Islamischen Dschihad in Ägypten und der al-Qaida - sind Anhänger einer radikalen theologischen Vision, die auf verzerrten Interpretationen des Korans und der religiösen Lehren des Islam basiert. Damit sollen Gewaltein­satz und Terrorismus gegen ihre eigenen Gesellschaften und gegen die internationale Gemeinschaft gerechtfertigt werden. Diese Extremisten haben sich eine Welt geschaffen, in der all jene, die ihre Überzeugungen nicht akzeptieren und ihnen nicht folgen, zu Feinden erklärt werden, wobei es keinen Unterschied macht, ob sie Muslime oder Nichtmuslime sind - Feinden, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen und auszu­rotten gilt.

Das Thema Gewalt in muslimischen Gesellschaften wird dadurch, dass viele muslimische Staaten mit Gewalt regiert werden, noch weiter verschärft. Autoritäre Herrscher und Re­gierungen, weltliche wie religiös inspirierte, setzen Gewalt, Unterdrückung und Terror ein, um Stabilität und innere Sicherheit zu gewährleisten - in einigen Fällen auch, um ihren Einfluss jenseits der eigenen Grenzen zu vergrößern. Wirt­schaftliches Scheitern, hohe Arbeitslosigkeit, Wohnungsman­gel, eine stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich so­wie weit verbreitete Korruption verschärfen die Situation, indem sie zum Anwachsen des Radikalismus und der extre­mistischen Opposition beitragen. Dass ausländische Mächte, auch und vor allem die Vereinigten Staaten und Europa, in be­trächtlichem Ausmaß als Unterstützer repressiver Regimes, als »Kolonialmächte« und Ausbeuter muslimischer Gesell­schaften angesehen werden, trägt ebenfalls zur Verlockung bei, sich mit Gewalt und Terror zu wehren. Diese Bedingungen und Missstände schaffen ein Klima und eine Saat der Gewalt, in der die Saddam Husseins und Osama bin Ladens der Welt mehr als genug willige Rekruten für ihre unheiligen Kriege finden.

 

Unterstützen Muslime extremistische und terroristische Gruppen?


Der Islam und das islamische Recht haben den Terrorismus (das Töten von am Kampf Unbeteiligten) stets einhellig ver­urteilt. Indes, wie die Angehörigen aller religiösen Glaubens­richtungen mussten sich auch die Muslime von Anfang an mit religiösem Extremismus und Terrorismus auseinander set­zen. Die Reaktion der Mehrheit aus der Mitte des Islam auf Randgruppen wie Charidschiten, Assassinen oder, in neuerer Zeit, den Islamischen Dschihad in Ägypten oder die al-Qaida bestand darin, sie zu verdammen, zu bekämpfen und zu mar­ginalisieren.

Oft ist es allerdings recht schwierig, zwischen legitimer und illegitimer Gewaltanwendung, zwischen Protest, Widerstand und Befreiungsbewegungen einerseits und Terrorismus ande­rerseits zu unterscheiden. Für schiitische Muslime war im 7. Jahrhundert der Kampf ihres Imams Husain gegen den Ka­lifen Jazid ein legitimer Kampf, denn Jazid war der Sohn jenes Generals, der das Recht von Husains Vater Ali bestritten hatte, als Vierter der Rechtgeleiteten Kalifen zu regieren, und der nach Alis Tod die Macht usurpiert und das Umayyadenreich geschaffen hatte. Husain kämpfte nach schiitischer Ansicht also zu Recht gegen jene, die die Macht usurpiert hatten - eine Macht, die rechtmäßig den gesalbten Führern der islamischen Gemeinschaft (den Imamen) zustand, den Nachkommen Alis und des Propheten. In den Guerilla- und Revolutionsbewegun­gen, die anschließend, während des Kalifats der Umayyaden und Abbasiden, gegen die sunnitischen Herrscher kämpften, sahen die Schiiten nur weitere legitime Versuche, unrechtmä­ßige Herrscher zu vertreiben.

Dagegen sind in neuerer Zeit die Taten Osama bin Ladens und der al-Qaida sowie ähnlicher extremistischer Organisationen, die muslimische wie nichtmuslimische Gesellschaften mit Terror überzogen haben, ein klares Beispiel für den Terro­rismus. In vielen anderen Fällen ist die Lage jedoch nicht so eindeutig. Die Grenzlinie zwischen legitimer und illegitimer Gewaltanwendung, zwischen Gemäßigten und Extremisten, Volksbewegungen und Terroristen ist oft ein umstrittenes Thema. Der Unterschied zwischen Angriff und Selbstverteidi­gung, Widerstand und Terrorismus hängt oft vom eigenen Standpunkt ab. So sehen sich Christen und Juden traditionel­lerweise dem Frieden und der sozialen Gerechtigkeit ver­pflichtet; Kriege führen ihre Gesellschaften angeblich allein zur Selbstverteidigung. Demgegenüber sind sie oft allzu schnell bereit zu glauben, dass andere Traditionen und Völker (zum Beispiel der Islam und die Muslime) militanter und krie­gerischer seien. Das Denkmuster ist klar: »Unsere« Kriege sind immer defensiv, nicht offensiv; es handelt sich um »gerechte Kriege«. »Ihre« Kriege dagegen sind unheilige Kriege.

Die Unterscheidung zwischen nationalen Befreiungsbewe­gungen und Terrororganisationen hängt oft vom eigenen reli­giösen oder politischen Standpunkt ab. Amerikas Revolu­tionshelden im 18. Jahrhundert waren für die britische Krone Terroristen; auch Israels Menachem Begin und Yitzhak Sha­mir aus den zionistischen Kampfgruppen Irgun und Stern gal­ten den Briten als Terroristen. In Südafrika wurde Nelson Mandela, der Führer des African National Congress, von den USA einst als Anführer einer terroristischen Vereinigung ein­gestuft. Merke: Die Terroristen von gestern können bleiben, was sie waren - Terroristen -, oder aber die Staatsmänner von heute werden.

Die Entscheidung darüber, wer als Terrorist zu gelten hat, ist und bleibt schwierig. Jahrelang weigerte sich die amerikani­sche Regierung, wiederholten britischen Ersuchen stattzuge­ben, man möge doch Unterstützung und Förderung der IRA durch die irisch-amerikanische Bevölkerung unterbinden; die Briten sahen in der Irish Republican Army eine Terrororgani­sation. Dagegen entsprachen die Vereinigten Staaten ähn­lichen Bitten seitens der Israelis und jüdisch-amerikanischer Organisationen, eine gleichartige Unterstützung amerikani­scher Bürger für Organisationen der »radikalen islamischen Fundamentalisten«, zum Beispiel die Hamas, durch geeignete Maßnahmen zu verhindern. Die christliche Befreiungstheolo­gie und ihre Ableger in Latein- und Zentralamerika wurden ab­wechselnd als krypto-marxistische Revolutionskräfte und als authentische religiöse Volksbewegungen beschrieben. Wie gesagt, oft hängt die Antwort auf Fragen wie »Was ist Ex­tremismus?« oder »Was ist Terrorismus?« davon ab, wo man selber steht.

 

Unterstützen die meisten muslimischen Organisationen den Terrorismus?


Von den ersten islamischen Jahrhunderten bis zur Gegenwart haben Muslime viele religiöse, politische, Bildungs- und Wohlfahrtsinstitutionen und -organisationen geschaffen. Dazu gehören Krankenhäuser, Universitäten, Schulen, Kli­niken, Tagespflegeeinrichtungen, Studentenheime und Fe­rienlager, Flüchtlingshilfsorganisationen, Rechtshilfegesell­schaften, Sozialdienste, Banken, Versicherungen, Verlage und Berufsorganisationen von Ärzten, Rechtsanwälten, Journalis­ten und Wissenschaftlern. Viele dieser Institutionen waren und sind Wohltätigkeitsorganisationen, die durch religiöse Stiftungen (waqf, Plural awgaf) unterhalten werden. Deren Stiftungskapital besteht aus Ländereien oder Geld, das eigens für mildtätige Zwecke gestiftet wird, aber auch aus finanziel­len Zuwendungen von Regierungen und reichen Individuen.

In neuerer Zeit haben Regierungen aus ölreichen Staaten wie Libyen, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emira­ten Organisationen zur Unterstützung missionarischer Akti­vitäten gegründet. Darunter fallen Predigt und globale Aus­breitung des Islam durch den Bau von Moscheen, Islamischen Zentren, Schulen und Bibliotheken sowie Übersetzung und Verbreitung des Korans und anderer religiöser Texte.

Die Mehrzahl solcher Organisationen und Gesellschaften ge­hörte und gehört der breiten Mitte der Gesellschaft an; oft bie­ten sie in Ländern, deren Regierungen dazu nicht in der Lage oder willens sind, zu erschwinglichen Preisen Dienstleistun­gen im Bildungs-, Medizin- und Sozialbereich an. Islamisch inspirierte Organisationen und Gesellschaften haben Netz­werke geschaffen, die Wohnungen, Schulen und Ausbildungs­stätten sowie finanzielle Unterstützung für Arme und Un­glücksopferbereitstellen, etwa bei Erdbeben, aber auch für die Familien von Kriegsgefallenen. Zur gleichen Zeit haben je­doch auch religiöse Extremisten ihre eigenen Netzwerke und Dienste geschaffen. Mildtätige Aktivitäten von Mainstream­wie von Extremistenorganisationen wurden und werden oft nicht nur im Inland unterstützt, sondern auch durch finan­zielle Hilfe aus anderen Teilen der muslimischen Welt und von in Amerika und Europa etablierten Hilfsorganisationen.

In neuerer Zeit machen sich viele Regierungen zunehmend Sorgen wegen der Unterstützung für Terrororganisationen, die aus Kreisen der Hilfsorganisationen kommt. Verschärft wird das Problem bisweilen durch die Schwierigkeit, zwischen Widerstandsbewegungen und Extremisten, die terroristische Akte begehen, zu unterscheiden. Jahrelang machte Großbri­tannien den Vereinigten Staaten Vorwürfe, weil diese irisch­amerikanischen Bürgern erlaubten, die von den Briten als Ter­rororganisation klassifizierte IRA zu unterstützen. Während einige Helfer behaupteten, sie unterstützten zwar die IRA, aber nicht deren militärischen Flügel, sahen andere darin nur unaufrichtige Haarspalterei. Ganz ähnliche Fragen und Pro­bleme wirft die Unterstützung von Muslimen (Individuen oder Organisationen) für Sozialdienste oder Wohlfahrtsorga­nisationen auf, die mit Gruppen wie der Hisbollah im Libanon oder der Hamas in Palästina verbunden sind. Seit Ende der 1990er Jahre hat zum Beispiel die Antiterrorgesetzgebung in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien Gruppen wie Hisbollah und Hamas, aber auch andere Gruppen, die für ihre Wohltätigkeitsorganisationen zuvor legal Spenden empfan­gen durften, als terroristische Vereinigungen klassifiziert.

 

Haben Muslime einen Märtyrerkomplex?


Im Islam hat wie im Christentum das Märtyrertum - die Bereit­schaft, für den eigenen Glauben oder zur Verteidigung der ei­genen Religionsgemeinschaft zu sterben - eine lange, beson­dere Geschichte und Tradition. Märtyrer, die ihr Leben opfern, um islamische Ideale zu etablieren oder zu verteidigen, haben im Islam einen hohen Stellenwert.

Für den eigenen Glauben zu sterben, ist die höchste Form des Zeugnisses für Gott. Das arabische Wort, das im Koran für Märtyrer gebraucht wird, heißt schahid (»Zeuge«), und die Wortwurzel ist dieselbe wie im Wort für »Glaubensbekennt­nis«, schahada, mit dem bezeugt wird, »dass es keinen wahren Gott außer Gott [Allah] gibt und dass Mohammed [Muham­mad] der Gesandte Gottes ist«.

Im Koran finden sich etliche Passagen, die die Vorstellung vom Märtyrertum stützen und die den Hinterbliebenen von Märty­rern Trost zusprechen. Zum Beispiel:

Und wenn ihr um Gottes willen getötet werdet oder sterbet, so ist Vergebung und Barmherzigkeit von Gott besser als all das, was man im Diesseits an Geld und Gut zusammenbringt. Und wenn ihr sterbet oder getötet werdet, so werdet ihr dereinst zu Gott versammelt werden (3:157-158).

Und du darfst ja nicht meinen, dass diejenigen, die um Gottes willen getötet worden sind, wirklich tot sind. Nein, sie sind lebendig im Jenseits, und ihnen wird bei ihrem Herrn himm­lische Speise beschert (3:169).

Auch der Hadith, die Überlieferung der Taten und Aussprüche des Propheten Mohammed, enthält viele Bestätigungen, dass, wer für den Islam stirbt, reichen Lohn erwarten darf. Die mus­limische Tradition lehrt, dass Märtyrer sich von anderen im Leben nach dem Tod auf mancherlei Weise unterscheiden. Ihr Selbstopfer macht sie frei von Sünden, darum müssen sie sich nach dem Tod nicht der sonst obligatorischen Überprüfung durch die Engel Nakir und Munkar stellen. Sie umgehen das Purgatorium und gelangen gleich zu einem der höchsten Orte im Himmel, ganz in der Nähe von Gottes Thron. Als Folge ihrer Reinheit werden sie in der Kleidung, in der sie starben, be­erdigt und müssen nicht zuvor gewaschen werden.

Sunniten wie Schiiten bringen dem Martyrium in ihrem Glau­ben und in ihren Andachten hohe Wertschätzung entgegen. Der sunnitische Islam hat dem Märtyrertum historisch da­durch Wert verliehen, dass die Kämpfe (dschihad) der frühen muslimischen Gemeinschaft in Medina gegen die Araber aus Mekka Gegenstand der Verehrung wurden. Im Verlauf der ge­samten islamischen Geschichte diente der Aufruf zum Dschi­had auf dem Wege Gottes als Weckruf sowie als Ruf zu den Waffen. Im 17. und 18. Jahrhundert gaben die Führer islami­scher Erweckungsbewegungen, von Afrika und Arabien bis nach Südostasien, ihren Kämpfen die Form eines heiligen Krieges (Dschihad). Auf diese Weise war den Gefallenen das Paradies garantiert; sie galten ja als Märtyrer.

Der schiitische Islam verfügt über eine besonders mächtige Märtyrertradition und ein besonderes Vermächtnis der Märty­rer. Es begann mit dem Martyrium des Prophetenenkels Husain, der mit seinem kleinen Häuflein »rechtgeleiteter« Anhänger von der Armee des sunnitischen Kalifen Jazid ab­geschlachtet wurde. Diese heilige Tragödie wurde zum Pa­radigma für die schiitische Theologie und Spiritualität; all­jährlich wird sie in schiitischen Gemeinschaften rituell wiederaufgeführt. Diese Spiritualität findet ihren Ausdruck in der besonderen Rolle, die bei Schiiten dem Besuch der Mär­tyrergräber zukommt, in der Trauer und dem Nacherleben der Leidensgeschichte Husains und seiner Gefährten durch Ge­bet, Weinen und Selbstkasteiung - ein Ritual, das durchaus mit dem Gedenken an die Passion und den Tod Jesu Christi zu vergleichen ist.

Seit dem Heraufziehen des europäischen Kolonialismus hat sich ein neues, breiteres Verständnis des Martyriums her­ausgebildet. Soldaten, die in Unabhängigkeitskriegen gegen europäische Kolonialmächte fielen, wurden oft als Märtyrer bezeichnet. Seit dem späten 12. Jahrhundert benutzen die Muslime den Begriff »Dschihad« für alle Kämpfe zur Verteidi­gung islamischen Territoriums. Folglich sind alle, die bei sol­chen Kämpfen ums Leben kommen, Märtyrer. Das Martyrium war ein wichtiges Thema im ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak. Die sunnitischen Irakis wie die schiitischen Iraner setzten die Versprechungen des Martyriums ein, um ihre Sol­daten zu motivieren. Im nachrevolutionären Iran spiegelte sich diese Tradition in der Anlegung von Märtyrerfriedhöfen für die Gefallenen des irakisch-iranischen Golfkriegs sowie für die Kleriker und Unterstützer der iranischen Revolution, die von oppositionellen Kräften ermordet oder getötet worden waren.

Das Martyrium ist inzwischen wie der Dschihad zum globalen Phänomen geworden, einem allgemeinen Ruhmesbegriff für alle jene, die in den Kämpfen in Palästina (ganz gleich, ob es sich dabei um Mitglieder weltlicher oder islamistischer Paläs­tinensergruppen handelte), im Iran, in Ägypten oder im Liba­non ihr Leben ließen, aber auch in Aserbaidschan, Bosnien, Tschetschenien, Kaschmir und im Süden der Philippinen.

 

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